Die Brache als Glücksfall
Vor knapp 100 Jahren geht es los – mit Rhodiaseta entsteht das Industriegebiet Nord. Eine Brache jedoch bleibt. Zum Glück, bietet sich doch jetzt die Chance, die Entwicklung neu und zukunftsorientiert zu definieren.
Die Geschichte des Industriegebietes Nord im Freiburger Stadtteil beginnt 1927, also vor bald 100 Jahren mit der „Deutsche Acetat-Kunstseiden-Aktien-Gesellschaft Rhodiaseta“. Das Unternehmen stellt dort unterschiedliche Zelluloseacetat-Produkte her, chemische Zwischenprodukte, die für Farben und Lacke sowie textile Fasern gebraucht werden. Rhodiaseta ist damals einer der ersten Acetatproduzenten überhaupt – und die Erstansiedlung im „einzigen offiziellen Industriegebiet Freiburgs“, wie Joachim Scheck in der Badischen Zeitung resümiert. 1933, so weiß die Badische Zeitung weiter, waren bereits 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Rhodiaseta in Brot und Lohn, 1960 gar 3.000. Jetzt wächst das Industriegebiet um Rhodiaseta, weitere Unternehmen siedeln sich sukzessive an. Unter der Firmierung Rhodia Acetow beginnt Mitte der 1950er-Jahre die Herstellung acetatbasierter Zigarettenfilter. Außerdem stellt man Polyamid sowie Polyester her, beides Ausgangsstoffe für die Produktion textiler Gewebe.
Inzwischen aber hat sich der Markt verändert, Rhodiaceta – jetzt mit „c“ – wird 2011 vom französischen Solvay-Konzern übernommen und heißt ab 2013 Solvay Acetow GmbH. Das aber ist nur der erste von weiteren, rasch folgenden Eigentümerwechseln. 2016 erwirbt der US-Investor Blackstone die Acetat-Sparte von Solvay, aus Solvay Acetow wird Rhodia Acetow. Dabei bleibt es bis April 2019. Nach diesen wechselvollen Zeiten gelangt der Standort wieder in ruhigere Fahrwasser, es wird 2019 Teil des neu gegründeten, global agierenden Unternehmens Cerdia mit Zentrale in Basel und Produktionsstätten in Brasilien, Frankreich, USA sowie Russland. Die Freiburger Depandance heißt nun Cerdia Produktions GmbH und stellt in erster Linie sogenannte Filter-Tows für die Zigarettenindustrie her. Eine profitable Sache, trotz des rückläufigen Marktes. Die Cerdia Produktions GmbH beschäftigt heute rund 770 Mitarbeitende.
Schon bei der Gründung 1927 sichert sich Rhodiaseta Flächen über den aktuellen Bedarf hinaus, 1971 stockt man den Bestand nochmals auf, um ausreichend Erweiterungspotenzial verfügbar zu haben. Doch die Flächen werden nie wirklich gebraucht und liegen Jahrzehnte brach, sieht man von Teilnutzungen als Sportgelände ab. Immer wieder versucht die Stadt Freiburg, die Brache zurückzukaufen. 2020 gelingt der Freiburg-S-Wirtschaftsimmobilien GmbH & Co. KG die 21 Hektar große Brache zu erwerben. Ein Glücksfall, denn die Brache kann nun von Grund auf entwickelt werden – als Teil des Green Industry Park mit Konzepten, die zwischen Ökonomie und Ökologie vermitteln sollen. Der Weg zum Modell für künftige Industrie- und Gewebeareale ist frei.